Wort des Monats
Wort des Monats Oktober 2021, Last​​​​​​​​​​​​​​
was aufgeladen wird, immer mit betonung des schweren
Die Last ist meist so gemeint gewesen, wie wir heute den Ballast verstehen: Etwas, das aufgeladen wird, zum Zwecke des Transports, das schwer ist und wieder abgeladen werden kann. Es gibt jedoch schon lange auch die läste – so lautete früher der Plural – die sich nicht oder nicht so einfach abladen lassen. Sie stehen meist in enger Verbindung zum Dasein des Menschen und dem, was Menschen miteinander widerfahren kann. Da ist die „Ehelast“ als Name für das Kind im Bauch der Schwangeren. Da ist die „süße Last“, die „herrliche Last“, die „leichte Last“ – reizvolle Reibungen erzeugen diese Adjektive an der Last, ein Schwanken zwischen Belastung und Lust. Gleichgewicht und Ungleichgewicht dieser (Lebens-)Lasten verdichtete R. M. Rilke:

Unstete Waage des Lebens
immer schwankend, wie selten
wagt ein geschicktes Gewicht
anzusagen die immerfort andre
Last gegenüber.

Drüben, die ruhige
Waage des Todes.
Raum auf den beiden
verschwisterten Schalen.
Gleichviel Raum. Und daneben,
ungebraucht,
alle Gewichte des Gleichmuts,
glänzen, geordnet.
Wort des Monats September 2021, Narr​​​​​​​
es ist gut narren fressen, aber bös verdauen
Das alte Sprichwort bezieht sich darauf, dass es zwar amüsant ist, närrisch zu sein, jedoch unangenehme Folgen haben kann. Dabei erzeugen die unterschiedlichen Bedeutungen des Narrs vielschichtige Ebenen. Der Narr, das ist seine wohl älteste und inzwischen auch veraltete Bedeutung, war zunächst eine verrückte, geisteskranke, an einer fixen Idee leidende Person. Von ihr leitete sich der Fratzenschneider und Spaßmacher ab, wie er bereits vor 800 Jahren an den Höfen zur Institution wurde, zum Hofnarr. Daneben ist der Narr aber auch der Gegenspieler des Weisen und zeichnet sich durch ungereimte, dem gesunden Menschenverstand entgegen gesetztes Reden und Verhalten aus. Dies auch in moralischer Hinsicht. So wird der Narr vom harmlosen Spötter zum zweiten, fremden Ich, „das den menschen beiszt, sticht, in ihm haust.“ Zusammen mit dem ungeschickten, tölpelhaften Narr, der der allgemeinen und auch seiner eigenen Belustigung dient, ist es auch der zur Gefahr für einen selbst und andere tendierende Narr, der in dem Sprichwort steckt.
Wort des Monats August 2021, Lauer​​​​​​​
schelm, schlauer, hinterlistiger mensch, eigentlich ein lauernder, im hinterhalt liegender
Die Lauer umfasst den Ort und die Handlung beim „auf der Lauer liegen“, und der Lauer ist der Mensch, der auf der Lauer liegt. Im 16. und 17. Jahrhundert war der Lauer ein beliebtes und zugleich grobes Schimpfwort, schlimmer als ein Schalk oder Schelm. Das Lauern bedeutet vor allem in feindlicher Gesinnung und aus dem Hinterhalt zu beobachten, zu spähen – möglicherweise bald hervorbrechend. So lässt Schiller die Lady Milford in „Kabale und Liebe“ zu Luise sagen: „Hinter diesen Maximen lauert ein feurigeres Interesse, das dir meine Dienste besonders abscheulich malt.“ Verliert die Lauer, das Lauern und der Lauer den bösartigen Hintergrund, bezeichnen die Worte ein verschärftes Warten oder ein Verborgensein. Es findet sich in der ersten Strophe von Mörikes „Kinderlied für Agnes“:
Dort an der Kirchhofmauer,
da sitz' ich auf der Lauer,
da sitz' ich gar zu gern;
es regt sich im Holunder,
es regnet mir herunter
Rosin' and Mandelkern.
Wort des Monats Juli 2021, Mus​​​​​​​
schwerflüssig hergestellte speise aus kernfrüchten
Die Früchte reifen, es beginnt die Zeit der Marmelade, eigentlich des Muses. Das Mus ist eine althergebrachte, vielfältige Speise, die aus allem möglichen gekocht werden kann. So wurde es zu einem allgemeinen Namen für Beilagen, die eine mus- oder breiartige Konsistenz haben. Von Apfel- über Kürbis- bis Quittenmus. Daher, vom Quittenmus, kommt wiederum die süße Marmelade. Das portugiesische Marmelo für Quitte wanderte vermutlich über das Französische als Marmelade in unsere Sprache. Der eigentliche Ursprung liegt im lateinischen Wort für Honigäpfel, melimelum. Erst seit den 50er Jahren wurde die Marmelade umgangssprachlich für Fruchtmus und ist später per Lebensmittelverordnung definiert worden. Das Mus dagegen wandert jenseits von Verordnungszwängen vielfältig durch die Sprache, Töpfe und Münder.
Wort des Monats Juni 2021, Schauer​​​​​​​
herkunft und verwandtschaft des wortes ist unsicher
Der ersehnte Schauer des Regens und der leise Schauer, wenn uns Menschen etwas bewegt – beides scheint so sanft daherzukommen wie der Klang des Wortes auch. Doch viele seiner Bedeutungen sind alles andere als das. Der Schauer meinte zuerst echten Horror und echte Naturgewalt. Schauer, das waren heftige Unwetter, die Ernten vernichteten. Erdbeben wurden Schauer genannt und erschütterten. Und auch das Erzittern der Haut war ein Schauer, der tiefsitzende Ursachen haben konnte, wie Todesangst oder Pläne für ein Verbrechen. So hat der scheinbar sanfte Schauer doch immer einen wahren entsetzlichen Grund gehabt. Vielleicht kommt daher auch die Verbindung zu den Schauenden. Schauer waren schauende Menschen. Mit sinnlich profanem Wirkungsbereich: der Schauer als Aufseher und Aufpasser. Und übersinnlich: der Schauer als Prophet. Ein schauender Mensch, der da, wo andere nicht einmal einen Grund vermuten, die ganze Wahrheit sieht.
Wort des Monats Mai 2021, Schnecke​​​​​​​
sinnbild der langsamkeit
Die Schnecke – spricht man das Wort einmal langsam vor sich hin, schmatzt es ein wenig, glibbert es ein wenig und hat dann doch gleich wieder eine feste Form. Da ist ein kurzes Wabern im Schne-, das im -cke entschlossen auszittert. Der schleimige Überzug gehört zum Tier dazu, genauso wie seine sprichwörtliche Langsamkeit. Und noch etwas wunderbar formvollendetes gehört zu vielen Schnecken dazu: der Schnirkel oder etwas weniger veraltet der Schnörkel des Hauses. Den vollkommensten Namen trägt also die Schnirkelschnecke. Da kommen schnörkelig-scheue Häuslichkeit und schleimig-beharrliche Langsamkeit zusammen, in unendlichen Farb- und Formvarianten. Offenbar alles nützliche Eigenschaften, denen wir tatsächlich überall auf der Erde begegnen können, um sie uns abzugucken. Denn die Schnirkelschnecke ist an jedem Ort Zuhause: ob heiß, ob kalt, ob feucht, ob trocken. Mit ihrer ganzen verschnörkelten Schönheit und klebrigen Widerstandskraft.
Wort des Monats April 2021, Fächer
von fächel, fächlein 
Der Fächer ist nicht einfach ein Werkzeug der Frischluftzufuhr. Er war auch eines der Koketterie. Vor einigen 100 Jahren gab es eine regelrechte Fächersprache, bei der die Haltung des Fächers geheime Aussagen bedeuten konnte – insbesondere Aussagen der Liebe.
Die Verbindung zwischen Liebe, frischer Luft und fruchtbarem Frühling hat Paul Fleming verdichtet und gewissermaßen miteinander verheiratet: 
Der verliebte Himmel lächelt 
in die gleicherwärmte Luft, 
welche gleichsam Küsse fächelt 
auf der schwangern Erden-Kluft, 
die bald Beiden, so sie liebet, 
tausent' schöner Kinder giebet.
Wort des Monats März 2021, Kuss
„der kuss hat übrigens auch eine menge anderer landschaftlicher namen, über die kuss die herrschaft behauptet hat“
Für den Kuss gab es schöne, erstaunliche, auch komische Ausdrucksweisen. Manche davon finden sich bis heute.
Buss, Butsch (bussen, bützen = küssen)
Tunsch
Guschel (von Mäulchen)
Schmatz, Schmutz und Schmützlein
Heiz (heizen = küssen)
Musche (die, hörbarer Kuss, dazu muschen = küssen)
Tuutje (dat, ostfries.)
So kommt auch der Frühling, „der Sonne goldener Kuss“ (E. Mörike), auf viele verschiedene Weisen.
Wort des Monats Februar 2021, schwimmen​​​​​​​
zunächst vom menschen, sich durch bewegung der arme und beine auf dem wasser schwebend erhalten
Die wichtigste Bedeutung des Verbs schwimmen ist die Bewegung des Menschen. Zunächst im Wasser, aber nicht nur, wie Schillers Franz in den „Räubern“ es mit Bezug auf das Leben, die ganze Welt sagt: „Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geh unter!“
Doch von der Bewegung wurde schwimmen auch auf unbewegliches übertragen. Etwa auf feste Körper, die oben auf dem Wasser „schwimmen“ wie Treibholz. Hier sind wir zwar noch beim Schwimmen, jedoch schon ohne die Bewegung. Und eine weitere Übertragung fand statt: auf Dinge, die nicht eigentlich schwimmen und doch so bezeichnet werden. Wie bei Else Lasker-Schüler in „Täubchen, das in seinem eignen Blute schwimmt“. Ebenso die manchmal so bezeichneten „von Tränen schwimmenden“ Augen. Von da ist es ein kurzer Weg zum Verschwommenen, das ein klares Sehen verhindert. In Lust, Liebe und Trunkenheit können wir Menschen ebenso „schwimmen“ wie in Gedanken, in Träumen und auch in der Wirklichkeit. Da kann sogar eine Baderegel wie „Gehe nicht tiefer ins Wasser, als du schwimmen kannst.“ zum (Über-)Lebensmotto werden.
Wort des Monats Januar 2021, sprechen
„Deutlichkeit, Freyheit und Anmuth sind unerreichbar, wenn der Redner mehr Zeit und Kraft zum Athmen als zum Sprechen braucht.“
Das schrieb Zelter an Goethe und verbindet damit zwei Bedeutungen des Sprechens: Die Fähigkeit Laute zu äußern und die Fähigkeit Gedanken verständlich in Worte zu fassen. Form und Inhalt sind eins. Was Zelter schrieb, ist undatiert. Und nicht zu datieren ist auch, dass sprechen beides ist: es tun und dabei etwas sagen. Nicht von ungefähr kommt die Wendung: viel reden, ohne etwas zu sagen. Und im Umkehrschluss bedeutet nicht sprechen, also schweigen nicht einfach nichts sagen. Es ist wiederum eine Fähigkeit: Zeit und Kraft in das Atmen zu investieren, wenn die Gedanken keinerlei Laute bedürfen um ausgedrückt zu werden.
Sprechen Sie uns auf unsere Projekte an. Wir erzählen Ihnen gern mehr davon.
Hanno Brahms | 0170 5420664 |  hannobrahms(at)bei-brahms.de
Clara Brahms | 0175 5011549 |  clarabrahms(at)bei-brahms.de 

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