Wort des Monats
Wort des Monats Januar 2022, Kost​​​​​​​
lebensunterhalt, stets als collectivwort
Die Kost kommt nicht von kosten, wie das Grimmsche Wörterbuch betont. Sie umfasst viel mehr als das Probieren, Naschen. Im Ursprung ist sie kaufmännisch und umfasst alle Aufwände, die für den Lebensunterhalt nötig sind. Dahinter steht die Frage nach dem Aufwand für diese umfassende Kost. Und auch, inwiefern dieser Aufwand lohnenswert ist. Schließlich, zu wessen Kosten die Aufwendungen werden. Dahinter verbergen sich nicht nur rein kaufmännische Erwägungen. Sondern unweigerlich auch die Frage nach dem ideellen Wert – daher die Ableitung zum Wort kostbar. So fragt die Kost nach Nährwert und Kontostand am Ende auch nach dem Sinn.
Wort des Monats Februar 2022, wittern​​​​​​​
ich wittere, wittere Menschenfleisch
Dieser Satz stammt aus dem Märchen „Von dem Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Der Teufel – und in anderen Fassungen der Vogel Phönix – riecht mit feiner Nase, was nicht sichtbar aber doch spürbar ist. Im Sinne des Aufspürens beziehen wir heutzutage wittern auf Tiere und ihren Geruchssinn. Doch die älteste, ursprüngliche Verwendung des Wortes geht auf die Beziehung zum Wetter zurück. Wie es wittert, das heißt, wie das Wetter ist oder wird. Diese Bedeutung ist heute noch in dem Wort Witterung enthalten, mit dem das Wetter an einem bestimmten Ort und über einen längeren Zeitraum beschrieben wird. Wittern wurde im früheren Sprachgebrauch breiter eingesetzt. Es hatte neben dem Wetter auch seine Verwendung, wenn es um instinktives Wahrnehmen, vorahnendes Erkennen und schicksalhaftes Zufallsempfinden ging. Sei es, dass große Ereignisse sich witternd ankündigten. Sei es, dass für Ansteckungskrankheiten in Infektionsordnungen vom ‚wittern der ersten Anzeichen‘ die Rede war. In jeder dieser Anwendungen sind es kleine Boten größerer Ereignisse, die wittern oder gewittert werden
Wort des Monats März 2022, Tuch​​​​​​​
durch die geschichte des wortes zieht sich eine doppelheit der bedeutung
Das Tuch meinte schon immer zweierlei. Da ist das in sich geschlossene Stück Stoff für einen ganz bestimmten Zweck. So das Halstuch gegen Zugluft und das Staubtuch für den Frühjahrsputz. Ein auf die Funktion ausgerichteter Wortsinn, der bis heute erhalten geblieben ist. Und dann ist da der Sinn von Gewebe aus Faden verschiedener Herkunft. Dieser zweite Sinn ist heute kaum mehr von Bedeutung. Meist sagen wir dazu Stoff, vor allem auch für die oft synthetische Herkunft des zugrundeliegenden Materials. Einen Ballen Polyester würden wir kaum als ‚Tuch‘ bezeichnen. Ist heute noch von Tuch in diesem zweiten Sinn die Rede, dann ist etwas hochwertiges gemeint, meist Wolle, oft auch Leinen oder Seide. Das Wort Tuch adelt gewissermaßen inzwischen den Stoff, aus dem es gemacht wird. Aus diesem Tuch, das dem Handwerk des Webens nahesteht, entstanden auch die – heute ebenso wie das Handwerk selbst vergessenen – Ableitungen ‚tuchen‘ für das Fertigen von Kleidungsstücken und ‚tucher‘ für den Handwerker, der webt oder Gewebe bearbeitet.
Wort des Monats April 2022, Ente​​​​​​​
behender schwimmvogel, nur könnten gans und schwan ebenso heißen
Die Wortherkunft der Ente, des Schwans und der Gans ist die Gleiche. Ihre Verwandtschaft findet sich auch bei bestimmten Tieren wieder, so bei der Rostgans – der goldgeflügelten ente. Sie kann entenartig im seichten Wasser gründeln und doch auch wie eine Gans auf Weideflächen äsen. Und sie erscheint in der Dichtung als Sinnbild der Liebe und Treue. Im Gegensatz zu der Zeitungsente, die früher auch „blaue Ente“ genannt wurde: Ihrerseits ein Sinnbild für eine gleichsam fortschwimmende und wieder auftauchende Falschmeldung oder Lüge. Ihr Blau steht für das Nebelhafte, Nichtige, für den „blauen Dunst“, den sie verbreitet.
Wort des Monats Mai 2022, schmelzen​​​​​​​
weich werden, sich einer empfindung hingeben, darin auflösen
Ursprünglich bezeichnet schmelzen ganz sachlich den Übergang von einem festen in einen flüssigen Aggregatzustand, etwa bei Eis oder Wachs. Oft wurde und wird es viel freier gebraucht: Biblisch schmelzen die Berge bei der Erscheinung Gottes, Tränen lassen menschliche Härte schmelzen und auch in der Musik können die Töne schmelzen. Dabei ist immer ein Hauch Vergänglichkeit, denn was schmelzt, das schwindet. Umso faszinierender ist der Schmelz. Diese zartglasige Schicht bewahrt den schmelzenden Übergang für einen Augenblick und macht ihn für uns sichtbar: Als glänzender Hauch auf jungen Blumenblüten, als samtpudriger Überzug auf den Flügeln eines Schmetterlings und bei Sonnenuntergang als fein verschmolzener Goldrand der Frühsommerwolken.
Wort des Monats Juni 2022, gurren ​​​​​​​
der tauber dort gurrt und kurrt sein liebes wort
Es sind nicht mit Sicherheit die Tauben, die zuerst zum Wort gurren inspirierten. Wie bei jedem lautmalerischen Wort weiß man eigentlich nicht genau, woher es kommt und wodurch es zuerst ausgesprochen wurde. Beim Gurren sind – neben den Tauben – auch zwei ganz andere Bedeutungen belegt. Für beide sagen wir „knurren“. Früher knurrte der hungrige Magen nicht, er gurrte. Und wenn man Widerspruch einlegte und sich beschwerte, so hieß das neben knurren und murren auch gurren. Dann war da auch noch die Taube, oder vielmehr der Tauber. Männliche Tauben gurren, um die Damen auf sich aufmerksam zu machen. In diesem Sinne wurde gurren auch auf die Menschen und ihre gegenseitigen, der Liebe gewidmeten Lautäußerungen übertragen
Wort des Monats Juli 2022, Kasper
er machte die ungeheuersten Witze, so daß der ganze Saal vor Lachen bebte
Der Kasper aus Storms „Pole Poppenspäler“ bringt den Saal zum Beben. Diese Art Kasper ist – genau wie das Wort selbst – aus der Welt nicht wegzudenken. Nicht nur, dass der Name schon seit vielen Jahrhunderten weitreichende Bedeutungen hat, von „läppischer Mensch“ über „koboldartiges Gespenst“ bis „Teufel“. Auch taucht er eigentlich immer auf, im Puppen-, nein, Kasperletheater und im echten Leben auch. Dann heißt er manchmal „Klassenclown“, „Hanswurst“ oder je nach Region und Mundart verschieden. Bei Storm heißt er Wurstl und begleitet als Familienbesitz, Brautwerber und Erbstück drei Generationen. Schließlich wandert er mit seinem Erschaffer fort ins Grab – und bleibt doch da: Verewigt in Storms Novelle und unsterblich in unzähligen Kindheitserinnerungen, die selbst immer wieder zu Anekdoten und Novellen werden.
Wort des Monats August 2022, topfen
bezeichnung einer ‚berührung‘ unter besonderen umständen
Die Beschreibung für das Verb topfen liest sich bei den Gebrüdern Grimm etwas verklausuliert. Was sollen die besonderen Umstände sein, unter denen eine eigens bezeichnete Berührung stattfindet? Doch die Anwendungsfälle, die die Brüder für ‚topfen‘ gefunden haben, zeigen, wie unzureichend eine kurze Definition wäre. Topfen oder niederländisch ‚doppen‘ bedeutet eintauchen – das findet sich vielleicht am ehesten im heutigen dippen wieder. Aber weit von unserem Sprachgebrauch entfernt, beschrieb topfen ein „rechsbekräftigendes Berühren’, im Sinne des Plünderns, Aufgreifens und Gefangennehmens. Daher dann im Siebenbürgisch-sächsischen gleichbedeutend mit schlagen oder klopfen. Dort und im Schwäbischen wurde das Wort auch zur Bezeichnung von Kinderspielen mit aufschlagenden Steinchen gebraucht. So ist es nicht weit zum Topfschlagen, dem Spiel, in dem das beides zusammenkommt: Schlagen oder ‚topfen‘ und der Topf selbst. Schließlich erobert man ja auch, was unter dem Topf ist. Ursprünglich war Topfschlagen kein Kinderspiel, sondern im 18 Jahrhundert ein Zeitvertreib der Höfischen Gesellschaft, eine Sache der Erwachsenen – genau wie das ernsthafte Plündern und Gefangennehmen meist eine Sache von Erwachsenen ist.
Wort des Monats September 2022, Schnuppe
verkohlter abfall vom dochte eines lichtes
Früher putzten die Menschen ihre Lichter mit einer Lichtputzschere. So entfernten sie verkohlte Teile von einem brennenden Docht. Das Putzen des Lichts nannte man auch ein Licht schnuppen. Diese Tätigkeit sind wie das Wort selbst ein Relikt geworden. Heute kommt die Schnuppe in den Haushalten nicht mehr vor. Dafür am Nachthimmel, als Sternschnuppe, ein immer schon sichtbares Ereignis, zeitlos im Vergleich zur Lichtputzschere. Und zeitlos – bei allem Faktenwissen, dass es sich dabei um einen verglühenden Meteor handelt – ist mit dem Aufglühen einer Sternschnuppe schon immer etwas mystisches einhergegangen. Da war der antike Gedanke, dass sie Anzeichen eines bald ausgeputzten Lebenslichts ist. Später der Aberglaube, die Sternschnuppe zeige die himmlische Erlösung einer armen Seele an. Und heute wohl die Idee, mit jeder Sternschnuppe könne man sich etwas wünschen.
Wort des Monats Oktober 2022, ernten
drückt sowol die sinnliche vorstellung des schneidens, als die abstracte des gewinnens aus
Das doppelte Verständnis des Verbs ernten rührt aus seiner Verwandtschaft her. Da ist das althochdeutschte Wort für „schneiden“ – arnôn – und für „durch Arbeit gewinnen“ – arnên –, das im Angelsächsischen „earnian“ und schließlich im Englischen „earn“ heißt. Vor allem die abstrakte und figürliche Verwendung von ernten ist nur zusammen mit säen denkbar. Das zeigen viele ältere und bis heute gängige Sprichwörter und Redewendungen, etwa: Wie die Saat, so die Ernte. Und finden sich weit entfernt von Kornfeldern in allen möglichen Lebensbereichen wieder, immer verbunden mit einer folgenreichen Verantwortung für die Saat bis zur Ernte als deren Konsequenz.
Wort des Monats November 2022, Oberwelt​​​​​​​
die obere welt, die erde, im gegensatz zur unterwelt
Es gibt die Unterwelt, den Hades, das sagenumwobene Land nichtirdischer Erscheinungen. Kaum eine Mythologie ohne Unterwelt. Das Wort Unterwelt ist breit und tief gefüllt mit Assoziationen, es ruft Bilder wach. Nur ein Bild nicht, ein ganz nahe liegendes Wortbild: das dazu gehörende Pendant Oberwelt. Und kein Monat gedenkt wie der November Unter- und Oberwelt. So einfach es mit der Wortbildung geht, so klar beides verbunden ist – das Wort wird trotzdem nicht benutzt. Auch früher kaum, das Deutsche Textarchiv findet knapp 150 Vorkommnisse. Das Grimmsche Wörterbuch verzeichnet einen kleinen Absatz, das Goethesche Wörterbuch einen um wenige Zeilen ausführlicheren. Kein Wunder, dass Goethe mit einem etwa 80.000 Wörter umfassenden Wortschatz, die Oberwelt kennt, definiert und verwendet – auch im Faust, dessen Berühmtheit diesem Wort offenbar nicht zu häufigerem Gebrauch verhalf. Zum Vergleich: Im Durchschnitt verwenden wir aktiv höchstens bis zu 16.000 Wörter. Die Oberwelt scheint – wenn überhaupt – ein Wort des passiven Wortschatzes.
Wort des Monats Dezember 2022, Stille
allgemein einen gefaszten zustand bezeichnend 
Stille kommt vom Adjektiv still. Das hat weitaus mehr Bedeutungen als im Substantiv anklingen und gemeint sind. Doch die Stille nimmt immer noch genug Mehrdeutigkeit vom Adjektiv still mit … Eine dieser Deutungen umschreiben die Gebrüder Grimm mit einem „gefaszten“ Seelenzustand, „gelegentlich sich den begriffen der harmonie und heiterkeit nähernd“. Es handelt sich nicht um äußere Geräuschlosigkeit oder gar Einsamkeit. Es geht um eine Größe, die innen ist. Etwa in künstlerischer Hinsicht, wie in Winckelmanns „edle Einfalt und stille Größe“. Oder in religiöser, mystischer Ergebenheit. Und viel besungen ist es wohl diese Art der Stille in „stille Nacht, heilige Nacht“ – harmonisch, heiter, groß, ein „gefaszter“ Welt-Seelen-Zustand.
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